Rezension: Lichtungen im Niemandsland

Lukas Hörnig beweist mit dem Gedichtband „Lichtungen im Niemandsland“, dass Pessimismus uns keineswegs aus der Welt vertreibt – im Gegenteil, denn mindestens die Sprache treibt uns tiefer in sie hinein – Nora Eckert

Am Anfang und am Ende des Gedichtbandes steht jeweils ein Zitat. Mit Franz Kafka steigen wir ein in ein bemerkenswertes, unter fünf Überschriften versammeltes Sortiment an Gedichten – „Obdachlose Spiele“, „Größere Auswege“, „Kleinere Auswege“, „Spielgrenzen“ und schließlich ein Resümee. Am Anfang ist es Kafkas Frage, was wir von den Schmerzen und der Hölle des anderen wissen und was dieser von unseren weiß. Kafka rät, so ehrfürchtig, nachdenklich und liebend vor den Menschen zu stehen wie vor dem Eingang zur Hölle. Lukas Hörnig folgt dem Rat und weiß zugleich, dass die Eingänge zur Hölle überall zu finden sind und dass wir die Erfahrung eines anderen zwar nicht erfahren können, aber gerade deshalb das Nachdenken umso dringlicher erscheint. Das Ergebnis sind bei Hörnig in der Tat ehrfürchtige poetische Reflexionen und Wahrnehmungen, die Nähe und Distanz in eins denken.

Ein Zitat des französischen Philosophen Clément Rosset beschließt den Band: „… und deshalb ist das Reale die einzige Sache auf der Welt, an die man sich nicht so richtig gewöhnen kann.“ Hörnigs Gedichte sind lauter Blicke auf Reales, was er in Stadt- und Naturräumen und als Gefühle und Empfindungen in sich selbst findet. Da ist kaum etwas dabei, an das man sich gewöhnen möchte, weil all das Reale darin aus Momentaufnahmen des Hässlichen, Traurigen, Abwesenden, Vergessenen, Gescheiterten besteht. Paradox jedoch, wie all der Pessimismus das sprachliche Ausdrucksvermögen geradezu beschwingt, als sei bleierne Schwere am Ende federleicht. Und verblüffend ist immer wieder die metaphorische Präzision, die wie angegossen sitzt und ständig Unerwartetes aus dem leicht zu übersehenden Alltag hervorholt.

Lukas Hörnig, Jahrgang 1992, geboren in Lohr am Main, studierte Literaturwissenschaften, Germanistik, Philosophie und Psychologie in Würzburg und Marburg. Er arbeitet derzeit an einer Dissertation an der Graduiertenschule für Geisteswissenschaften in Würzburg und daneben als Assistenzkraft in einem Wohnheim für Menschen mit Psychose- und Suchtdiagnose. Und weil das noch nicht genug ist, startete er nach seinem Masterabschluss in Psychologie im April dieses Jahres eine Ausbildung zum Psychotherapeuten in Wiesbaden. Da all diese Wissens- und Erfahrungsfelder bei Hörnig zum einen auf den Menschen fixiert sind und zum anderen auch eine poetische Perspektive enthalten, liegt die Vermutung nahe, dass Dichtung mindestens ein therapeutisches Moment enthält. Doch deren Empathie ist keine des „Alles wird gut“ – vielmehr eine, die nicht behauptet, eine Antwort auf die Risse und Widersprüche im Menschen und in der Welt zu besitzen. Das Unversöhnliche bleibt unaufgelöst.

So etwa, wenn der Autor „Nachts im Bahnhofsviertel“ unterwegs ist: „Mein Blick setzt sich / Ins Publikum der Sterne / Und wartet / Auf den ersten Akt der Wirklichkeit.“ Und die heißt beispielsweise „Obdachlosigkeit“: „Wie oft war ich an einem Bahnhof, / Wo Menschen in verdreckten Nischen kauern.“ Und sie schließt „Obdachloses Sterben“ mit ein (als Nachruf auf B.): „Der Ekel einer Nacht hat sich erbrochen. / Dein ganzes Leben / Ist daran erstickt.“ Worauf weitere Nachrufe folgen und so die Präsenz des Todes anzeigen.

Eines der Gedichte richtet sich „An meinen Pessimismus“: „Du warst immer für mich da. / Du warst die erste Droge meines Lebens.“ Und weiter: „Wenn ich mit Erfolgen kam, / Hast du mich nicht angesehen.“ Dazu passt, wenn es in „Sich verlieben“ heißt, man hänge dabei am eigenen Haken. Oder in „Das Leben ein Traum“: „Ich passe nicht mehr / Durch die kleinen Türen / Meines Glücks, / Ertrinke in den Träumen / meines Größenunterschieds.“ Was freilich nicht heißen muss, dass die kleinen Türen des Glücks oder der Haken der Liebe nicht auch Freunde zulassen, nur gibt Hörnig zu bedenken: „Freunde sind / Die letzten Exemplare / Bedrohter Arten, / Du zu sein.“

Eine besondere Anziehungskraft besitzt bei Hörnig das Naturelement Wasser – sei es als Regen, der ans Fenster tropft oder die Straße überströmt, sei es ein Fluss oder das Meer. Über Letzteres lesen wir, als wäre es ein Blick auf eines jener berühmten Bilder Caspar David Friedrichs: „Der Horizont wird aufgeschoben / Dahinter schält der Himmel sich ins Meer. / Die Wirklichkeit ist darin aufgehoben / Und ich bin menschenleer.“

Immer wieder faszinierend sind auch die sprachlichen Bilderfindungen: „Wolken / Haben Tiefgang / Namens Nebel.“ Oder „Frischverliebte Bäume / Paaren ihre Farben / Durcheinander.“ Gemeint ist damit eine Herbstimpression. Oder „Von Häuserwänden / Blättern Jahre / Wie verweinte Schminke.“ Die Stimmung an einem Sonntagmorgen klingt dann so: „Und über allem predigen Naturgeräusche / Das Evangelium des Lauschens“, während Ampeln mit sich selbst Stadtverkehr spielen.

Woran machen wir fest, was ein gutes Gedicht ist? Natürlich gibt es darüber Theorien, die es ganz genau wissen wollen, beziehungsweise es zu wissen vorgeben. Aber verlässlicher könnte die Evidenz sein, die sich beim Lesen einstellt: die Empfindung, ja, so passt das, was uns das Gedicht gerade sagt: Oder mit den Worten von Daniela Danz: „Das Gedicht ist das so und nicht anders Sagbare.“

Zum Themen-Reservoir der Dichtung gehört seit je die Selbstreflexion, indem über das Schreiben geschrieben wird als Selbstauskunft desjenigen, der dichtet – letztlich auch eine Selbstvergewisserung. „Im Schreiben komme ich nach Hause“, heißt es bei Hörnig. Auch dass das Schreiben erinnern bedeute und dass es mehr sei, als der Alltag braucht. Zu dichten bedeute, Worte abschmecken, bis man ihre Wirklichkeit verdaut hat. Und schließlich heißt es, so Hörnigs Ansicht, sich in einen Schönheitsfehler zu verlieben. Deshalb:

„Nicht mehr schreiben, / Hieße meiner Lebensangst / Die Melodie zum Atmen nehmen.“

– Nora Eckert