Reisen Sie mit einem Auszug aus Kornelia Koepsells Band Menschen und ihre Zeit/People in their Time nach Prag – einer Stadt voller Trubel, Bilder und natürlich Geschichte(n).
Prager Erinnerungen
Über den Wenzelsplatz gehe ich früh, um Zeitung zu kaufen,
hingewendet zur Burg sitzt König Wenzel zu Pferd.
In der Novemberkälte zieh ich den Wollmantel enger,
über den Gassen liegt Stimmgewirr, überall
gibt es Pilsner, Tycho Brahe hat in der Nähe
nachts in den Himmel geschaut wegen Merkur. Die Uhr
schlägt zwölfmal, Apostel kommen durchs Türchen von vorn,
dann, mit plötzlichem Ruck, klappen sie wieder ins Nichts.
Jahrelang ist das her, in der Erinnerung drängt sich
nicht das goldene Prag, sondern die Kirche von Sankt
Method und Kyrill mir auf. Die Attentäter von Heydrich
flüchten sich hierher, keiner entkam der SS.
An einer Einkaufsstrasse der Neustadt liegt diese Kirche,
unauffällig und grau. Wenige Stunden danach
sass ich im Zug, sah auf Stoppelfelder, Baracken,
alte Fabriken, blau lachte der Himmel. Ich las
von der Erfindung des glagolithischen Alphabets durch Kyrill,
denn die Heilige Schrift wurde von ihm übersetzt.
Memories of Prague
I’m out early, crossing Wenceslas Square
for a newspaper. The king
sits on horseback, facing the castle.
I pull my wool coat tighter
in the November cold. Voices
babble up alleyways. Pilsner
on every corner. In the old town
Tycho Brahe searched the night sky
for Mercury. The clock strikes, apostles
parade through a little door, then,
with a jerk, fold back into nothingness.
That was years ago. Now,
not golden Prague but the Saint Cyril and
Methodius Church comes to mind,
standing, ordinary and grey,
on a new-town shopping street. It was here
the assasins of Heydrich sought shelter.
No one escaped the SS.
A few hours later I’m on the train,
gazing at stubble fields, barracks, factories,
deserted, the sky smiling blue.
I’m reading the Glagolithic alphabet,
invented by Cyril, the
translator
of the Holy Bible.


